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Camino Francés im Winter
Von Finisterre bis Santiago de Compostela

1: Castilla:León
2: Galicien
3: Finisterre-Muxia


[01.12.2025] Mit dem Bus von Santiago nach Finisterre

Frühmorgens geht es los. Die Umgebung zeigt sich bei der Busfahrt rundum wolkenverhangen. Bei so viel Nebel könnte man das legendäre Avalon der Ritter der Tafelrunde in Galicien verorten.
Nach der Ankunft in Finisterre begeben wir uns für ein Frühstück am Meer, danach geht es los zur anderen Seite der Halbinsel, um die Hippie-Höhle am Playa del Muerte zu suchen. Diese finden wir leider nicht, dafür verlaufen wir uns und irren querfeldein durch dichtes Gestrüpp.
Endlich finden wir einen geeigneten Pfad und erreichen den höchsten Punkt der Halbinsel, an dem wir von einem starken Sturm begrüßt werden.

Von dem höchsten Punkt folgen wir einem Asphaltweg bis zum Leuchtturm, bei dem sich der 0-Kilometerstein des Camino befindet. Ein Schauer treibt uns in das Innere des Leuchtturms und wir wärmen uns bei einem Kaffee.
Für den Rückweg in die Stadt wählen wir die direkte Asphaltstraße. Der Regen prasselt unaufhaltsam nieder, doch zum Glück haben wir Rückenwind.

Abends nimmt mein Freund den Bus zurück nach Santiago, während ich mir vorgenommen hatte, den Weg zurück nach Santiago zu Fuß zu gehen.
Kurz, nachdem wir uns verabschieden haben, setzt ein fürchterlicher Regen ein. Er ist wie ein Wasserfall, der die Straßen überflutet, während ich auf der Suche nach einer Unterkunft bin. Endlich kann ich mich in eine Pilgerherberge retten. Vollkommen durchnässt.


[02.12.2025] Von Finisterre nach Muxía

Auf meinen früheren Pilgertouren war ich noch nie in Muxia. Muxia soll besonders schön sein, hatte ich gehört. Genügend Zeit bis zu meiner Abreise hätte ich, so entscheide ich mich für den Umweg über diesen vielversprechenden Ort.
Da ich bereits in Ponferrada meine wasserdichten Schuhe entsorgt hatte, bin ich nun in leichten Sportschuhen unterwegs. Mit der Zeit hatte ich festgestellt, dass es sich bei dem andauernden Regen besser ohne Socken läuft, da diese sich stets mit Wasser vollgesaugt hatten.

Der Wanderweg nach Muxía ist äußerst attraktiv. Hier wachsen sogar Orangen- und Zitronenbäume. Das Wetter ist in dieser Region zwar sehr nass, doch offensichtlich gedeihen Zitruspflanzen durch die Nähe zum Meer sehr gut.
Nach einem kurzen Aufstieg führt der Weg ein längeres Stück durch einen Eukalkyptuswald. Zeitweise scheint es, als würde ich eine Weile ohne Regen auskommen. Also die zu warme Winterjacke aus, Regenhose aus. In dem Moment geht es wieder los, also Regenschutz wieder an. Plötzlich wiegen die Bäume heftig im Wind. Bei Sturm sollte man eigentlich nicht im Wald unterwegs sein. Aber was soll's, man kann sich ja nicht einfach von hier fortbeamen. Und Eukalyptusbäume sind stabil. Hoffe ich. Nach längerer Zeit nähere ich mich einer kleinen Ortschaft, da verdunkeln sich die Wolken über mir. Das verheißt nichts Gutes. Es beginnt ein stärkerer Regenschauer, ich lege an Tempo zu. Irgendwo etwas zum Unterstellen? Die Straße nimmt eine Biegung, plötzlich erscheint die Rettung direkt vor mir. Ein überdachtes Buswartehäuschen! Gerade kann ich mich hineinretten, da pfeift der Wind noch lauter und das Unwetter bricht los. Regen wechselt in Hagelschauer. Weiße Körner hüpfen wie Tennisbälle über die Straße.
In der Ferne ein kurzes Wetterleuchten. Das erinnert an meine erste Wintertour 2012. Da war das Wetter ähnlich wie jetzt. Nur mit mehr Schnee.
Zum Glück lässt der Sturm nach und ich setze meinen Weg fort. Der Regen hat zwar nicht aufgehört, die Menge sich aber auf ein erträgliches Maß reduziert.

Nach einer langen Wanderung durch die Natur führen die letzten Kilometer über eine Asphaltstraße am Meer entlang. Der Atlantik bringt hohe Wellen, die an der Küste bersten. Muxía ist tatsächlich eine schöne Ortschaft, stelle ich fest. Deutlich malerischer als Finisterre. Mir wurde nicht zu viel versprochen. Mir gefällt die Stadt sehr gut.
Als ich einen Platz in der Pilgerherberge bekomme, warnt der Verwalter mich davor, bei Dunkelheit zum Heiligtum am Ende der Insel zu gehen. Bei Nacht wäre es sehr gefährlich bei den Klippen. Da es schon recht spät ist und der Weg dorthin eine halbe Stunde dauern würde, entscheide ich mich, die legendäre Kirche erst am nächsten Morgen zu besuchen.


[03.12.2025] Von Muxía nach Dumbria

Nach vielen Jahren bin ich nun zum ersten Mal am sogenannten zweiten Ende der Welt angekommen - wie manche es nennen. In der Morgendämmerung erreiche ich eine riesige Steinskulptur. Sie wurde hier errichtet, um an eine Tankerkatastrophe im Jahr 2002 zu erinnern.

Etwas weiter unterhalb, auf dem Gestein am Meer, steht das Santuario de la Virgen de la Barca. Eine Kirche für Seefahrer, die dem Atlantischen Ozean ganz nah ist. Als ich sie erreiche, sehe ich etwas Merkwürdiges. Kann das sein? Tatsächlich, eine Frau, die auf ihren Knien robbt. Sie geht auf das Portal zu, aber direkt daran vorbei. Da erinnere ich mich an etwas. Man muss dieses Heiligtum auf Knien umrundet haben. Dreimal, – wenn ich mich richtig entsinne – bevor man eintreten darf. Und das bei diesem Regenwetter!
Ich begebe mich hinunter zum Wasser. Das Meer hat eine magische Anziehung auf mich. Momentan ist der Wellengang beeindruckend und ich beobachte eine Weile, wie die Wellen sich an dem rund geformten Gestein brechen. Plötzlich werden meine Füße umspült, ich werde abrupt aus einem Tagraum gerissen und klettere auf allen Vieren außer Reichweite der Wellen. Das war knapp!

Ich trete in das Heiligtum ein und spüre Gänsehaut. Grusel, Hoffnung, beides zugleich. Es ist eine Kirche, die Seefahrern gewidmet wurde, die im Meer ihr Leben ließen. Ihnen zu Ehren, die im Ozean ertrunken oder verschollen sind, wurde dieses Gebäude errichtet. Zahllose Modellbauschiffe schmücken das Innere und Malereien die Wände. Eines fällt mir sogleich auf. Es handelt von einer Katastrophe.
Am ersten Weihnachtstag des Jahres 2013 geschah etwas, das diese Kirche fast zerstört hätte. Der Altar brannte damals vollkommen ab. An dessen Stelle befindet sich ein Replikat aus Fototapete.

Die Gänsehaut bleibt, während ich mich weiter umschaue. Hier auf den Klippen befindet sich ein Leuchtturm. Ich habe schon oft geträumt, in einem Leuchtturm zu wohnen. Vollkommen einsam und der Welt entrückt. Zumindest für eine Weile.
Zwei Stunden später habe ich genug gesehen und steige einen Pfad hinauf. Meine Begleiter hatten in direkter Meeresnähe Angst, jetzt kommen sie hinaus und genießen den Blick auf das Heiligtum, die Skulptur, das Meer. Wir steigen noch einen Hügel hinauf, der einen Blick auf Muxía bietet, danach begeben wir uns auf den Camino.

Die heutige Etappe ist vergleichsweise kurz. Doch nach der morgendlichen Besichtigung des Heiligtums von Muxía ist es gut, dass diese nur 21 Kilometer beträgt. Es gibt auch wenig Alternativen, was Übernachtungsmöglichkeiten betrifft. Eine weitere gibt es in Olveiroa, doch 31 Kilometer bis dort wären heute zu viel. Die Wanderung soll ja kein richtiges Martyrium sein. Die dichten Wolken über mir verkünden Unheil und es wäre am gut, am späten Nachmittag ein Dach über dem Kopf zu haben.
Im Ort Moraime befindet sich eine interessante Klosteranlage, doch kann man diese derzeit nur von außen betrachten.

Als ich Dumbria erreiche, machen die Wolken wahr, was sie zuvor angedroht haben. Sie entladen sich und schicken ihre aufgestaute Nässe auf mich herab. In der Mitte des Ortes gibt es einen Dorfklassiker. Eine Bar-Tienda-Restaurante. Auf Deutsch so etwas wie eine Mehrzweckhalle. Man kann hier Einkaufen, Essen und Bier trinken. Ich besorge mir ein paar Leckereien und begebe mich, gegen den Regen dicht eingepackt, direkt zur Herberge am Ende des Ortes. Heute bin ich der einzige Pilger in der Unterkunft. Hier habe ich drei Schlafräume und zwei Waschräume für mich allein. Abends begebe ich mich noch in die Bar-Tienda-Restaurante. Es gibt nicht viel Auswahl. Ich wähle unter den Pizzen eine mit Salami und mit Scharf.
Der Barinhaber bietet mir eine Mitfahrmöglichkeit für die Rückkehr an, ein Kollege von ihm, der mich zur Unterkunft mitnehmen könnte. Der verfährt sich, so lande ich beim Sportplatz oberhalb der Herberge. Kurz schaue ich mir dort ein Fußballspiel an, das bei strömenden Regen stattfindet. Junge Leute, denen macht das nichts aus, wenn es schüttet, als wäre der Jüngste Tag angebrochen.


[04.12.2025] Von Dumbria nach Olveiroa

In der Nacht blieben die Schleusen des Himmels geöffnet. Fasziniert hatte ich immer wieder aus dem Fenster geblickt, wie die Regenmassen niedergehen. Allein in dem gemütlichen Dormitorio hatte ich einen guten Schlaf. Doch nun ist es kurz vor acht und es ist die Zeit, in der ich die Herberge verlassen muss. In strömendem Regen trete ich hinaus. Da weckt etwas Besonderes meine Aufmerksamkeit. Ein Feuersalamander. Wunderschön! Es ist ein Wesen, das bevorzugt in Höhlen lebt, Nässe und Dunkelheit liebt. Trotz seiner auffälligen Farbe ist es kein Feuerwesen, eher das Gegenteil. Ich hatte sie bisher nur selten gesehen. Der Feuersalamander ist gerade dabei, unter die Jalousie aus Metall zu klettern. Das ist nicht gut! Man soll sie nicht anfassen, hatte ich gehört, da sie irgendein Gift oder eine ätzende Flüssigkeit auf der Haut hätten, das gefährlich wäre. Sicherheitshalber vermeide ich den Kontakt. Bald ist der Salamander hinter der Jalousie verschwunden. Hoffentlich passiert ihm nichts.

Ab und zu begegne ich Pilgern, die von einem Poncho gegen den Regen vollkommen eingehüllt sind. Das Wetter ist auch nicht gerade wunderbar. Gut, dass die heutige Etappe bis Olveiroa nur knapp 10 Kilometer ist, denn bei diesem starken Regen macht das Wandern nicht wirklich Spaß.

Hier und da ist der Weg ein bisschen überschwemmt, so bin ich froh, am frühen Nachmittag das Ziel der Etappe zu erreicht zu haben. Und umso mehr freue ich mich, als ich gleich am Ortsanfang ein Café finde, in dem ich mich bei einem Milchkaffee aufwärmen kann.

Unterwegs hatte ich ein Plakat gesehen zu einem „Territoiro Vákner“. Wolfsaugen blicken einen bedrohlich an. Warum geht es geht, weiß ich nicht. Kunst?

Die Pilgerherberge von Olveiroa ist noch geschlossen. An diese habe ich keine guten Erinnerungen, wenn ich an meine erste Tour zurückdenke. Das liegt nicht an der Unterkunft. Im Jahr 2012 hatte ich den größten Teil des Nachmittags in der sanitären Einrichtung zugebracht. Wahrscheinlich wegen einer Infektion durch Koli-Bakterien. Magen und Darm wollten einfach alles loswerden und danach hatte ich den Eindruck, als läge alles um mich in dichtem Nebel. Wahrscheinlich war ich in der Folge stark dehydriert. Zum Glück hatte ich mich am Abend wieder so erholt, dass ich wieder gesellschaftsfähig war. Nein, diese Herberge ist schön und es gibt nichts auszusetzen, es sind einfach die Umstände damals, die mir in Erinnerung geblieben sind.
Derzeit ist kein Herbergsverwalter anwesend, aber ein Hinweis aufgestellt, dass man sich schon einen Schlafplatz aussuchen solle. Einst befanden sich hier Pferdeställe, doch heute übernachten hier Pilger.
Außer mir ist auch eine Italienerin anwesend. Sie kommt aus Matera und arbeitet dort unter anderem als Stadtführerin. Matera scheint eine besonders interessante Stadt in Süditalien zu sein. Ungewöhnlich ist, hier Pilger aus Italien zu treffen. Normalerweise lieben sie die mediterrane Wärme und Sonne. Hier in Galicien herrscht derzeit das Gegenteil.

Abends treffen weitere Pilger ein. Auch ein weiterer Italiener. Gemeinsam begeben wir uns zum Pilgermenü in das Café-Restaurant, in dem ich am Nachmittag bereits war. Es ist auch eine Frau aus Schottland anwesend. Über das Wetter beklagt sie sich nicht. Sie scheint es aus ihrer Heimat gewohnt zu sein. Aber von ihr erfahre ich, was es mit diesem 'Vákner' auf sich hat. Unterwegs wäre sie einem Werwolf begegnet. Ob es ein echter gewesen wäre, auf die Frage schüttelt sie mit dem Kopf und lacht. „If he had moved, I had moved“.

Wie üblich in Spanien flimmert ein Fernseher vor sich hin. Bei der Wettervorhersage werden alle aufmerksam. Sturmwarnung für den Nordwesten Spaniens. Besonders betroffen davon wird Galicien! Da befinden wir uns gerade. Ein Sturm über dem Atlantik, der gerade auf die Küste zurollt. Hier wird es ungemütlich werden. Ein heftiges Unwetter droht. Na super! Der Weg von Finisterre bis hier war bereits eine Herausforderung. Wie es aussieht, steht noch größeres Unheil bevor.
Ich mag gar nicht an Morgen denken. Bis Negreira sind es 33,5 Kilometer. Dazwischen gibt es nichts. Das wird richtig ungemütlich!


[05.12.2025] Von Olveiroa nach Negreira

Unangenehm, die Unterkunft spätestens um 8 Uhr verlassen zu müssen. Doch so sind die Vorschriften in den Pilgerherbergen. Es ist noch zappenduster, als wir uns für ein Frühstück in das einzige Restaurant begeben, das zu dieser Jahreszeit geöffnet ist. Bei einem Kaffee tausche ich Facebook-Kontakt mit der Italienerin aus. Man weiß ja nie. Vielleicht brauche ich eines Tages eine Stadtführerin in Matera.

Fast alle Pilger wandern heute in die entgegengesetzte Richtung – nach Finisterre oder Muxía. Bis auf die Frau aus Schottland. Die ist aber bereits aufgebrochen. So wandere ich alleine.
Wegen der unerfreulichen Wettervorhersage hatte ich mich vor dem Aufbruch dicht eingehüllt. Regenhose, Winterjacke, Schal, Mütze, Regenüberzug für den Rucksack. Dichte Wolken hängen drohend über mir, als ich den Schotterweg entlang wandere. Seit ich aufgebrochen bin, senden sie wie erwartet den versprochenen Regen.

Ein Sturm bricht los. Die Überlandleitungen geben ein schrilles Pfeifen von sich, die Eukalyptusbäume tanzen im Wind. Ist es gefährlich, hier unterwegs zu sein? Was passiert, wenn eine der Stromleitungen von einer Windböe abgerissen wird und mich berührt? Oder wenn einer der Bäume vom Sturm umgerissen wird und mich unter sich begräbt? Wenn, hätte das schon eher passieren können. Jeden anderen hätte es genauso getroffen. Wenn ich zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort bin, dann ist es eben Pech. Dem eigenen Schicksal kann man nicht entrinnen. Was passiert, das passiert.

33,5 Kilometer ist die Etappe von Olveiroa nach Negreira. 33,5 Kilometer in starkem Regen und bei Windböen, von denen man fast umgerissen wird.
Zu meinem Unmut merke ich, dass meine mit 25 Jahren mittlerweile betagte Winterjacke die Wirkung ihrer Imprägnierung mehr verloren hat als bisher befürchtet. Dass die Regenhose wasserdicht ist, bringt da gar nichts. Im Gegenteil. Der Regen läuft durch die Jacke und füllt die Regenhose, unter der ich Jeans trage, von innen. So wird es richtig ungemütlich.
Als ich bei der Herberge angekommen bin, nutze ich zum ersten Mal einen Trockner, was ich bisher vermieden hatte. Den Camino traditionell wandern, der Vorsatz ist nun egal. Weil einfach alles nass ist bis auf das, was ich in Plastiktüten im Rucksack verstaut hatte. So gebe ich fast alle Klamotten, Jacke, Jeans und Rucksack in den Trockner und setze ihn in Betrieb. Während ich im Aufenthaltsraum die Dreiviertelstunde auf ein trockenes Ergebnis warte, ist ein lautes Scheppern aus dem Waschraum zu hören.
„Weiß jemand, wer dort seine Schuhe in den Trockner getan hat?“, fragt die Herbergsverwalterin in die Runde.
„Keine Schuhe“, entgegne ich. Denn die sind im elektrischen Trockner streng verboten. „Das wird wohl meine Jacke oder mein Rucksack sein.“
Als nach 45 Minuten der Lärm endet, sehe ich nach und finde sogleich die Ursache des Schepperns. Ich hatte vorher vergessen, meine unterwegs gesammelten Riesenkastanien aus der Seitentasche des Rucksacks zu nehmen. Diese liegen im Trockner verteilt unter meinen Klamotten und sind nun weitgehend geschält.


[06.12.2025] Von Negreira nach Santiago

Der Morgen beginnt wie die vergangenen Tage. Man hat wenig Lust, loszupilgern. Aber so ist die Regel, um 8 Uhr spätestens muss man die Herberge verlassen haben. So starte ich im Dunkeln und wandere durch Negreira. Gibt es irgendwo in der Stadt ein geöffnetes Café für ein Frühstück? Fehlanzeige.
Bis Santiago wird es nichts mehr geben, wie ich gehört habe. So gibt es an diesem Vormittag eben keinen Kaffee.

Bald wird es heller. Von Dämmerung kann man an diesem verregneten, dunklen Tag nicht sprechen. Bald erreiche ich eine mittelalterliche Brücke. Die scheint ein beliebtes Fotomotiv zu sein, fällt mir auf, als ein Pulk von Menschen erscheint und auf die Brücke tritt, um ihre Kameras blitzen zu lassen. Auch meinen treuen Begleitern gefällt das. Besonders ein Schloss aus dunklem Gestein im Hintergrund hat es ihnen angetan. Ponte Maceira, so nennt sich dieses Highlight, das selbst zu dieser Jahreszeit noch Busse mit Touristen anlockt.

Zum Glück sind es heute von Negreira nach Santiago nur noch 20,5 Kilometer. Auch heute regnet es fast durchgehend, aber bei weitem nicht so stark wie am Vortag. Mittlerweile ist der Moment da, an dem man nur noch ankommen will. Die Pilgertour abschließen, einen Tag in Santiago ausschlafen und wieder heim.

Alles liegt im Nebel. Die zwei Türme der Kathedrale sind schon in der Ferne zu sehen. Es ist nicht mehr weit. Bald bin ich erlöst!

Kurz vor dem Aufstieg nach Santiago führt mich der Weg zu einer beeindruckenden Location. Dies muss einst ein umfangreiches Kloster gewesen sein. Heute liegt es verfallen da und ist von grün überwuchert, die Dächer verschwunden. Ein wunderbarer Lost PLace! Doch wage ich nicht, die Absperrungen des Geländes zu betreten. Zudem würde dies bei solchem Regenwetter wenig Spaß machen. So setze ich meinen Weg fort. Um wenig später nicht mehr weiterzukommen. Polizeiabsperrung!, verkündet ein quer über den Weg gezogenes Band. Was jetzt? Hier ist der Camino! Also umkehren und einen anderen Weg suchen.

Über einen Umweg erreichen wir endlich Santiago. Die Italienische Pilgerin hatte uns eine Unterkunft namens San Martino Pinario empfohlen, die sich im Seminario Major befindet. Dort frage ich nach. Leider sind heute alle Plätze im Schlafsaal belegt. Einfachheitshalber mieten wir uns daher in der gleichen Herberge ein wie die Tage zuvor in Santiago.
In der Unterkunft gibt es einen kleinen Backofen, in dem ich endlich meine gesammelten Kastanien rösten kann. Seit mehr als einer Woche hatte ich sie mitgeschleppt. Geschält sind sie bereits durch die Behandlung im Wäschetrockner am Vortag.


[07.12.2025] Zweiter Tag in Santiago

Die Tage des Dauerregens mit Sturm haben mir zugesetzt. Ich bin froh, etwas länger ausschlafen zu können. Dies ist der letzte Tag in Santiago. Daher verbringe ich den Vormittag mit Besorgungen. Ein paar Souvenirs müssen sein. Auch die mittägliche Pilgermesse zum zweiten Advent. Es warten erstaunlich viele vor dem Eingang. Ich muss weit laufen, um das Ende der Schlange zu finden. Mit Erkältung nehme ich Platz in der Kathedrale und verfolge die Messe niesend.
Zu meinem Bedauern ist wie bei den vergangenen zwei Messen auch heute die Botafumeiro nicht zu sehen. Mir wurde erzählt, der berühmte Weihrauhschwenker würde mittlerweile nur noch eingesetzt werden, wenn eine Gruppe von Touristen 800 Euro dafür gezahlt hätte. Ein stolzer Preis. Doch die Erhaltung so einer prächtigen Kathedrale ist auch nicht billig.

Nach der Messe entdecke ich etwas aus der Vergangenheit wieder. Einen Geheimtipp. Unter Einheimischen ist er recht bekannt. Die Casa Manolo, ein Restaurant am Rand der Altstadt, bietet vorzügliche Gerichte zu einem günstigen Preis. Normalerweise stehen die Gäste davor Schlange, doch gerade ist dort wenig los und so bekomme ich einen Einzelplatz, um mir ein leckeres Menue zu gönnen. Pimientos de Padron als Vorspeise, Lenguado (Seezunge) als Hauptgericht und Mousse au Chocolat zum Dessert. Vorzüglich! So ein Menue bekommt man hier für 14 Euro. Das muss ich noch ausnutzen, bevor es wieder zurück in die Heimat geht.

Abends begebe ich mich früh zu Bett. Um 5.45 wird der Bus am kommenden Tag in Richtung Flughafen Madrid starten. Mitten in der Nacht. Die Abfahrt darf ich nicht verschlafen!



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