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Camino Francés im Winter
Von O Cebreiro bis Santiago de Compostela

1: Castilla:León
2: Galicien
3: Finisterre-Muxia


[23.11.2025] Von O Cebreiro nach Triacastela

Der Morgen beginnt mit Regen, der umso stärker wird, je mehr die Höhenmeter zunehmen. In einer kleinen Bar am höchsten Punkt wärmen wir uns bei einer Empanada (das ist mit Thunfisch, Tomate oder Fleisch gefülltes Brot) und einem Kaffee auf. Anschließend gönne ich mir noch ein frisch gezapftes Bier, bevor es wieder in den Regen hinausgeht. Es ist wirklich unwirtlich auf dieser Höhe. Passend dazu wurde eine Statue am höchsten Punkt aufgestellt, die einen Pilger im Sturm zeigt.

Der Abstieg führt uns direkt in die Regenwolken. Unterwegs stürmt es so, dass man Angst bekommt. Als wir den uralten Kastanienbaum erreichen, haben wir das Schlimmste hinter uns.

Die öffentliche Herberge in Triacastela könnte zu dieser Jahreszeit etwas ungemütlich sein. Als wir dort vorbeikommen, sieht es sogar so aus, als wären momentan die Schotten dicht. Reine Redewendung - es sind damit keine Schotten gemeint, sondern, dass dort offenbar Winterpause ist. Nach kurzer Suche finden wir die Xacobeo Albergue, an die ich mich erinnere. Ein befreundeter koreanischer Pilger hatte dort damals im Jahr 2012 übernachtet. Diese Unterkunft ist tatsächlich äußerst gemütlich. Es gibt neben dem Kamin sogar einen Schrank zum Trocknen der Wanderschuhe.


[24.11.2025] Von Triacastela nach Sarria

Am Ortsende von Triacastela gibt es zwei Alternativen. Nach Links zum Kloster Samos. Nach Rechts eine kürzere Variante. Samos war im Jahr 2012 besonders interessant. Damals hatte ich an einer Führung durch das Kloster teilgenommen, bei der man großartige Wandmalereinen bestaunen konnte. Unklar ist, ob es derzeit geöffnet ist.
Seit wir die Region Galicien erreicht haben, herrscht Dauerregen. So wie heute. Daher entscheiden wir uns diesmal für die kürzere Variante.

Als wir ein Dorf durchqueren, entdecken wir einen interessanten Ort. Einen Innenhof, der äußerst gemütlich eingerichtet ist. Ein kleines Pilger-Paradies! Es gibt Sofas, in die man sich hineinfläzen kann, einen Tisch, an dem man sich ein Frühstück gönnen kann. Auf Spendenbasis. Wir bekommen sogar einen frisch gebrühten Kaffee. Derweil interessieren sich meine vier Begleiter (Löwe, Tiger, Maus und Schaf) sich für die Instrumente. Besonders für das Didgeridoo. Es gibt hier sogar einen kleinen buddhistischen Tempel, in dem man sich in Yoga über kann.
Und ein Labyrinth im Garten unterhalb des Hofes. Doch das Rätsel des Labyrinths zu lösen, gebe ich rasch auf, da es beständig regnet und meine Schuhe nach kurzer Zeit patschnass sind.

Nach einem Abstieg durch einen Kastanienwald finden wir uns in einer grünen landwirtschaftlich genutzten Gegend wieder. Manchmal scheint es, als würde man mitten durch die Wolken wandern. Das ist zwar schön, aber man wird richtig nass. Falls man noch nicht vollkommen durchnässt ist.

In dieser Gegend wandert man durch Dörfer, in denen man einige leer stehende Gebäudekomplexe sieht, die von Grün überwachsen sind. Es wäre irgendwie mein Traum, so eine Ruine zu erwerben, herzurichten und in eine Pilgerherberge zu verwandeln.

Als wir in Sarria ankommen, wirkt die Innenstadt wie ausgestorben. Damals, im Sommer 2012 war die Altstadt so überfüllt, dass die Leute sich gegenseitig auf die Füße getreten sind. Und was die Gastronomie und Herbergen betrifft, herrscht hier gerade Winterruhe. Zu meinem Entsetzen ist sogar die große Pilgerherberge am Ende des Ortes geschlossen. Was nun? Draußen schlafen? Bei dem Regen? Da kommt mir die rettende Idee: einfach mal in dem einzigen Restaurant fragen, das in der Altstadt geöffnet ist. Das funktioniert tatsächlich und bewahrt uns davor, im Gebüsch zu übernachten.


[25.11.2025] Von Sarria nach Portomarin

Jesus did not start in Sarria. Diesen Spruch, den man unterwegs häufig liest, verbinde ich mit Sarria. Es ist der letzte Ort vor der 100-Kilometer-Marke. Wer in Sarria startet, der hat es nur auf die Compostela, die Pilgerurkunde abgesehen. Aus der Sicht mancher, die weiter wandern, ist er kein echter Pilger.

Meine Sicht dazu: jeder soll sich seinen Weg so vornehmen, wie es ihm gut tut. Manchen fehlt vielleicht die Zeit, vier Wochen zu wandern. Dennoch, die letzten 100 Kilometer führen oft an der Straße entlang und sind landschaftlich verhältnismäßig wenig reizvoll. Und man ist einfach viel zu kurz unterwegs, um das zu erfahren, was man den Spirit of the Camino nennt. Das kann man nicht erklären. Man muss es selbst erlebt haben.

Hier in Galicien sieht man häufig solche Horreros. Diese dienen dazu, Lebensmittel vor Fressfeinden zu schützen. Vermutlich vor allem vor Nagetieren.

Etwas später begegnen wir plötzlich zwei Eseln. Es soll gerade eine Familie unterwegs sein, erfahren wir - die Paarhufer hätten sie hier geparkt.

Auch den 100-Kilometer-Stein entdecken wir in der nächsten Ortschaft. In meiner Erinnerung stand dieser vor 13 Jahren ganz woanders. Irgendwo in der Wildnis. Es kann sein, dass dieser verlegt wurde, weil Wege geändert wurden, was häufiger passiert. Manchmal wird eine neue Schnellstraße gebaut und man muss eine andere Variante finden, damit Pilger nicht die Autobahn entlang pilgern müssen. Vielleicht wurde der 100-Kilometer-Stein auch zu oft geklaut. So etwas kam auch vor. Und daher hatte man ihn in die Mitte einer Ortschaft verlegt, damit die Bürger des Dorfes ein Auge auf ihn haben.

Es gibt nun doch noch etwas Interessantes auf den letzten 100 Kilometern. Die versunkene Stadt. Irgendwie ist es eine traurige Geschichte. Das alte Portomarin musste einem Stausee weichen.

Allein die Kirche wurde Stein für Stein abgebaut, um weiter oberhalb wieder errichtet zu werden. Der Rest der Stadt versank in den Fluten.
Erstaunlich ist, dass trotz der anhaltenden Regenfälle der Wasserstand so niedrig ist, dass die Ruinen der einstigen Stadt aus den Fluten auftauchen. Auf irgendeinem Grund wird das Wasser derzeit nicht gestaut. Der Pegel scheint sogar niedriger zu sein als damals im Sommer. Vielleicht wartet man, bis der Schlamm hinfort gespült ist, bevor das Wasser im Frühjahr gestaut wird.

In dem Schlafsaal der Herberge übernachtet außer uns auch der Holländer, dem ich in Villafranca begegnet bin. Vom ihm erfahren wir, dass er seinen Weg in Rotterdam begonnen hat. Mittlerweile hat er fast 3000 Kilometer hinter sich. Seinen Camino hatte er aus einem bestimmten Grund unternommen. Er leidet unter einer seltenen Erbkrankheit, erfahren wir, wodurch seine Lebenserwartung nur um die 50 Jahre wäre. Um die Forschung über diese Erkrankung zu unterstützen, hatte er diese Wanderung unternommen und um dabei Spenden online zu sammeln. Inzwischen ist einiges zusammengekommen. Hoffentlich hilft es ihm.

Später hören wir immer wieder ein I-aah, I-aah. Die Familie mit den Eseln ist inzwischen auch angekommen. Von dem Holländer erfahren wir, es wäre eine Familie mit fünf Kindern, die mit diesen sympathischen Paarhufern pilgert.


[26.11.2025] Von Portomarin nach Palas de Rey

Als wir morgens über eine Brücke wandern und in die Tiefe blicken, bestätigt sich: der Stausee ist so gut wie leer.

An diesem Tag ist mein Freund nach den ersten Kilometern wieder einmal fitter als ich und wandert voraus. So kann ich gemütlich durch einen Wald von uralten Kastanien wandern. Nach einer Weile komme ich aus dem Grün heraus und gehe an leeren Fabrikhallen mit kaputten Fenstern vorbei. Hier spüre ich den Reiz, in dem von Brombeerranken überwucherten Gelände nach einem Eingang zu suchen. Dies sieht nach einem Lost Place aus, und die verlassenen Hallen könnten so manches Geheimnis bergen. Doch rasch komme ich von diesem Gedanken ab. Einerseits sieht es schwierig aus, hier einen Zugang zu finden, andererseits wäre es bei diesem Regenwetter kein Spaß, sich durch das dichte Gestrüpp zu mühen.

Bald hole ich die Familie mit ihren zwei Eseln ein. Es ist ein Klassiker, diesen Weg mit Huftieren zu unternehmen und den Kindern scheint es sehr gut zu gefallen. Kurz komme ich mit den Eltern ins Gespräch. Es sind Franzosen aus der Nähe von Bordeaux. So kann ich meine Französischkenntnisse etwas üben.

Ich durchquere den Ort Gonzar, in dem ich im Jahr 2012 übernachtet hatte und nun folgt ein Aufstieg. Rechts des Weges finde ich noch etwas in der Art eines Lost Place. Ein leeres Gebäude aus Beton, und diesmal ist er leicht zugänglich. Es ist wohl so gedacht, dass man ihn erkundet, denn im Inneren finde ich Informationen über eine Ausgrabungsstätte „Castro de Castromajor“. In dieser Gegend wurden die Reste eine Burg gefunden. Aus vor-römischer Zeit. Keltisch. Die größte Anlage dieser Art im Nordwesten Spaniens. Diese werde ich etwas weiter aufwärts finden.

Ein koreanischer Pilger nimmt die Abzweigung zu der archäologischen Fundstätte. Ich sehe ihn aber umkehren und wieder zurück zum Camino wandern. Dennoch will ich mich einmal umschauen. Der Ausgrabungsplatz scheint nicht weit abseits des Weges zu liegen, erfahre ich mit der Handy-Navigation. Wenige Meter weiter und ich durchquere einen Burggraben, der in ein kreisrundes Gelände führt. Fundamente einer historischen Anlage sind dort zu sehen. Sie ist historisch besonders interessant, da sie aus einer Zeit stammt, in der es solche Burgen äußerst selten gab. Irgendwie wäre es ein Traum, ein Historiker zu sein, in dessen Gedanken solch ein antiker Ort lebendig wird. Dessen Vorstellungen zu einem Film werden und ihn den Alltag der Menschen von damals erleben lassen. Man braucht viel Fantasie, um aus diesen Ruinen einen Film entstehen zu lassen.
Von dieser archäologischen Ausgrabungsstätte führt ein Pfad wieder zurück auf den Camino.

Der Wettergott meint es heute nicht gut. Eine kurze Pause in diesem überdachten Häuschen, dann geht es weiter. In Palas de Rei treffe ich meinen Freund wieder. Er hatte für uns bereits einen Platz in einer Herberge reserviert. Nach einer kurzen Ruhepause begeben wir uns auf die Suche nach einem Abendessen, doch leider scheint man sich in dieser Stadt auf eine Winterpause eingestellt zu haben. Wenige Lokale sind geöffnet. Zu unserem Glück bekommen wir in einem noch ein Pilgermenue.

Als wir uns abends noch in den Gemeinschaftsraum der Herberge begeben, dringt dichter Rauch aus der Küche. Sicherheitshalber schauen wir nach. Dort sind zwei Spanier gerade dabei, spät abends noch zu kochen. Plötzlich kommt einer der Beiden aus der Küche und serviert uns einen Teller mit Pimientos de Padrón. Es ist der gleiche, der uns in O Cebreiro einen Vortrag über die Geschichte Spaniens gehalten hatte. Jetzt lacht er und zeigt auf den Rauchmelder an der Zimmerdecke. Dort ist nur die Einfassung davon vorhanden. Dieser hätte zuvor öfters Alarm geschlagen, erklärt er, daher hätte er diesen entfernt. Wir probieren die Pimientos de Padrón, und ich bin überrascht. Fast jede der frittierten Paprika schmeckt scharf. Der Spanier erklärt, diese bekäme man nur noch selten. Die scharfe Variante wurde weggezüchtet, da die meisten Leute dafür zu empfindlich wären. Offensichtlich hat er eine besondere Quelle gefunden, bei der man diese noch bekommen kann. Normalerweise findet man unter 10 Paprikaschoten zwei, die scharf schmecken. Bei diesen war es aber umgekehrt. Nur zwei waren mild.


[27.11.2025] Von Palas de Rey nach Arzúa

Viel ist in Palas de Rey zu dieser Jahreszeit nicht los, doch wir finden das Restaurant vom Vortag geöffnet und gönnen uns ein kleines Frühstück. Bei leichtem Nieselregen brechen wir auf. Mein Freund hatte sich bei dem Namen Palas de Rey eine Stadt mit einem prächtigen Königsschloss vorgestellt - doch als wir durch die Vorstadtsiedlung wandern, entdeckt auch er dieses nicht. Wenn es stimmt, was mir erzählt wurde, existiert es bereits seit Jahrhunderten nicht mehr.

Noch am Vormittag biegen einige Pilger nach rechts ab. Wir folgen ihnen spontan bis zu einem Café, das sich auf einem kleinen Hügel befindet. Zeit für einen zweiten - und einen dritten - Frühstückskaffee. Dort treffen wir einige Bekannte wieder. Neben dem weitgereisten Holländer aus Rotterdam auch zwei Franzosen und einen Deutschen.

Nach einem längeren Marsch durch einen Wald, der hier bereits auch aus Eukalyptusbäumen besteht, erreichen wir eine mir altbekannte mittelalterliche Brücke. Leider ist es noch nicht die Brücke nach Melide, die ich mir erhofft hatte. Es gibt noch eine Ortschaft davor.
Melide ist in Spanien bekannt für ihre Spezialität Pulpo - zu deutsch Oktopus - den wir uns hier gönnen wollen. Es gibt zahllose Pulperias direkt an der vielbefahrenen Hauptstraße. Doch wir suchen uns lieber ein gemütliches Restaurant in der Altstadt, in dem wir uns Pulpo und Patatas Fritas (Pommes Frites) bestellen. Der überschwänglich freundliche Kellner serviert uns zwei Teller mit Pulpo und Patatas, dazu Brot und zwei nicht bestellte Empanadas. Dabei dämmert es mir bereits, dass er zum Schluss alles in Rechnung stellen wird. Die Ahnung erfüllt sich. Alles wird doppelt berechnet, auch das Nichtbestellte. Sogar das Brot, das wir nicht angerührt hatten, kostet extra. Offensichtlich war dies eine Touristenfalle. Da wir uns nicht mit einer längeren Diskussion aufhalten wollen, zahlen wir zähneknirschend alles und ziehen weiter.

Unterwegs sind immer wieder interessante Graffiti zu sehen. Dieser Pilger sieht mir sogar ähnlich, meinen manche.

Eine mittleralterliche Brücke, ein malerischer Vorort und wenig später haben wir das Ziel der heutigen Etappe erreicht.

Arzúa selbst ist jedoch nicht viel mehr als eine stark befahrene Straße mit einem Lokal neben dem anderen. Ein Fernfahrerort. Als mein Freund in der Herberge hört, der Schlafsaal böte Platz für insgesamt 16 Pilger, sucht er sich lieber ein Hotel. Leider gibt es in seinem Zimmer keine Badewanne, so wie er es sich erhofft hat.
So ungemütlich ist so eine Pilgerherberge nicht, wenn man sich an diese Räumlichkeiten gewöhnt hat. In meinem Alter wähle ich bei den Stockbetten bevorzugt das untere, um zum Schluss einer Etappe nicht eine Leiter hinauf- und hinabsteigen zu müssen.


[28.11.2025] Von Arzúa nach Monte de Gozo

Am Vorabend hatte ich nach vielen Tagen meine Klamotten gewaschen. Es ist immer Glückssache, ob diese am nächsten Morgen getrocknet sind. Zum Glück war diese Herberge geheizt. Und da das obere Stockbett nicht belegt war, konnte ich sie rund um mein Schlafgemach ausbreiten. Zwar ist die Wäsche am Morgen noch etwas feucht, aber das genügt und man kann sie anziehen. Beim Laufen werden T-Shirts aus Kunstfaser trocken.

Bevor es auf die Etappe geht, treffe ich mich mit meinem Mitpilger in seinem Hotel für ein gemeinsames Frühstück. Es gibt ein Buffet mit frischen Brötchen, Wurst, Käse, Marmelade, neben dem ersten Kaffee noch einen zweiten und dazu frisch gepressten Orangensaft. Für 7 Euro recht preisgünstig.

Noch in Arzúa treffen wir auf einen Stand, an dem zwei Pilger Obst verkaufen. Mein Freund unterhält sich angeregt mit einem der beiden, als er erfährt, dass dieser aus Frankfurt stammt. Seit ihm das Geld ausgegangen wäre, würde er hier in einer Scheune leben, erzählt er. Nun entwickelt sich eine längere Unterhaltung über Eishockey. Mein Mitpilger ist ein passionierter Fan dieses eisigen Sportes, dafür lässt er seinem Fast-Nachbarn eine großzügige Spende zurück, bevor wir unseren Weg fortsetzen.

Während wir durch die nächsten Dörfer wandern, treffen wir zwei Pilger wieder, die wir in der Herberge von Sarria kennengelernt hatten. Sie stammen aus Mallorca. Daher können wir uns mit ihnen problemlos in Deutsch unterhalten. Wir hatten fast nicht erwartet, sie wiederzutreffen. Den etwas übergewichtigen Vater, der mit seiner Tochter wandert, hatten wir offenbar unterschätzt.

Am Anfang der Etappe bin ich etwas fitter und mein Pilgerkollege fällt zurück. Später überholt er mich bei einer meiner Pausen wieder und so wandern wir den Großteil der Etappe separat. So ist es auch gut. Jeder in seinem eigenen Tempo. Auf dem Camino ist es gut, auch mal eine Weile alleine unterwegs zu sein. Dabei treffe ich die drei J's aus Korea wieder und tausche mich ein wenig mit ihnen aus. Ihr Pilger-Chef zeigt mir einige Fotos aus seiner Heimat. Zu meiner Überraschung gibt es dort auch längere Wandertouren entlang der Küste.

„Jesus did not start in Sarria!“. Diese Worte, die man oft als Graffiti auf den letzten 100 Kilometern liest, hatten sich mir eingeprägt. Dieser finale Abschnitt ist nicht wirklich attraktiv. Viel Straße und noch mehr Eukalyptusbäume. Offensichtlich wurden sie im großen Stil niedergemacht. Dort, wo sich einst ein Eukalyptuswald befunden hatte, sehe ich nur noch Baumstümpfe. Kilometerweit. Eukalyptus wurde mittlerweile als als invasive Pflanze erkannt, die äußerst schädlich für die heimische Flora und Fauna ist.

Bald ist das laute Rauschen eines Triebwerks zu hören. Unüberhörbar befinden wir uns schon in der Nähe des Flughafens von Santiago. Warum wir, wenn mein Freund bereits vorausgeeilt ist? Mit mir sind noch ein Löwe, ein Tiger, eine Maus und ein Schaf unterwegs. Stofftiere, die mich mittlerweile auf jeder Pilgertour begleiten. Sie sind zu treuen Begleiter geworden und äußerst fotogen.

Vor dem Aufstieg nach Monte de Gozo treffe ich meinen Freund und Pilgerkollegen wieder, dem sich zwei Südamerikaner angeschlossen haben. Ein südamerikanisches Pärchen. Sie ist eine argentinische Lehrerin und er ein Profi-Fußballer aus Kolumbien. Der junge Mann wäre ihr Mitarbeiter und würde ihr auf dem Camino zur Seite stehen, erfahren wir. Sie kommt heute mit einer Entzündung am Knie kaum vorwärts, während der Weg sich endlos aufwärts windet. Eine Weile später trägt ihr Begleiter auch ihren Rucksack und muss sie bei dem Aufstieg auch noch stützen. Die beiden sind sich offensichtlich näher, als sie zugeben.

Bald kommt der Abschied. Wir nehmen die Abzweigung zur Herberge von Monte de Gozo, während die beiden anderen bereits eine Bleibe bei Freunden in Santiago haben. Hoffentlich schaffen sie den Abstieg ohne Blessuren, immerhin sind es noch 5 Kilometer. Derweil begeben wir uns auf die Suche nach der Pilgerunterkunft. Weit ist es nicht, doch plötzlich geht ein heftiger Regen nieder. Und die öffentliche Herberge ist ein weitläufiges Gelände, in dem man sich fast verirren kann. Und sie ist geschlossen!
So folgen wir dem Licht bis zu einer Bar, einem riesigen Gebäude, das noch beleuchtet ist. Dort erfahren wir, dass es nebenan noch eine private Pigerherberge gäbe. Und dass dies der letzte Tag vor der Winterpause sei. Morgen wäre in Monte de Gozo Schicht im Schacht, sozusagen. Wir gönnen uns ein kleines Abendessen, dazu ein Bier und begeben uns zur Nachtruhe.


[29.11.2025] Von Monte de Gozo nach Santiago de Compostela

Nur noch 5 Kilometer fehlen bis Santiago de Compostela. Die gestalten sich in strömendem Regen unangenehm.
Endlich haben wir es geschafft, laufen in die Stadt und an dem Dudelsackspieler vorbei, den man immer sieht, bevor man den Plaza del Obradoiro erreicht. Doch etwas hat sich verändert. Rucksäcke dürfen nicht mehr in die Kathedrale hineingenommen werden. Zudem findet eine Sicherheitskontrolle am Eingang statt. Wir geben unsere Rucksäcke gegen eine Gebühr bei der Post ab und schaffen es gerade noch zur Pilgermesse um 12 Uhr.
Wem bisher noch keine Tränen gekommen sind, dem kommen sie spätestens bei dem wunderbaren Gesang, der von Orgelmusik begleitet wird. Vielleicht ist es eine professionelle Sängerin. In dieser besonderen Kathedrale kann man sich das leisten.
Nachmittags lässt der Regen nach, so können auch meine ständigen Begleiter des Caminos herauskommen. Für die Pilgergäääng ist es die erste Ankunft in Santiago.

Als wir uns in der Stadt umsehen, finden wir sie für das bevorstehende Weihnachtsfest bereits reichlich geschmückt.

Abends schauen wir uns nach einer Bar für ein Bier um. Aus dem einen Bier werden zwei, drei und mehr. Wir begeben uns noch zu einer Diskothek und verweilen dort, bis wir so müde sind, dass wir kaum noch laufen können.


[30.11.2025] Zweiter Tag in Santiago

Um 6 Uhr morgens waren wir zurück in der Herberge. Kurz nach 10 Uhr werden wir rabiat aus dem Schlaf gerissen, als sich die Zimmertür öffnet. Jemand verkündet laut, der zweite Pilger müsse sofort die Unterkunft verlassen, da für ihn nur eine Übernachtung gebucht wäre. Für mich hatte ich zwei und für meinen Freund nur eine Nacht reserviert, da er für die nächste Übernachtung lieber ein Hotel aussuchen wollte. Vollkommen schlaftrunken begeben wir uns zur Rezeption, um noch eine weitere Übernachtung für ihn zu regeln. Danach begeben wir uns wieder ins Bett.

Am späten Nachmittag schauen wir uns in der Stadt um. Auch meine Pilgergäääng ist dabei, als wir den abendlichen Adventsgottesdienst besuchen. Dieser beginnt wieder mit einem wunderbaren Gesang, diesmal ist es ein Tenor. Erstaunlicherweise ist auch ein Priester aus dem fernen China zu Besuch, der die heutige Messe hält.

Abends begeben wir uns zu einem Abendessen in ein Restaurant, in dem man sich Dank Bullaugen rundum vorkommt, als wäre man unter Wasser.
An diesem Tag begeben wir uns sehr früh zu Bett, da wir am kommenden Morgen mit dem Bus nach Finisterre fahren wollen.


→ weiter nach Finisterre


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