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Camino Francés im Winter
Von León bis O Cebreiro

1: Castilla:León
2: Galicien
3: Finisterre-Muxia


[17.11.2025] Von León nach Hospital de Órbigo

Nach 13 Jahren gibt es auf dem diesjährigen Camino eine Premiere. Zum ersten Mal startet ein guter Freund von mir auf den Weg. Für ihn ist es die erste Tour dieser Art, während ich mich mittlerweile als Alten Hasen bezeichnen kann. Bei ihm war es terminlich etwas kompliziert, daher konnten wir zusammen erst im November starten. So wird es zum zweiten Mal ein Winter-Camino. Drei Wochen haben wir Zeit. Um in Santiago anzukommen, hat sich León als der geeignete Startpunkt ergeben. Nun ist die große Frage: wird mein Freund diese Tour bis zum Ende durchziehen? Bis nach Santiago, auch wenn es regnet, schneit und stürmt? Die Region Galicien ist bekannt für regenreiches Klima, dort wird es vermutlich äußerst ungemütlich werden.
Wegen der späten Ankunft am Vortag hatten wir vorab ein Hotelzimmer gebucht, da man bei Herbergen schon am Nachmittag eintreffen müsste.

Als wir die Unterkunft morgens um 9 Uhr verlassen, ist die Kathedrale noch geschlossen. So bleibt Zeit für ein kleines Frühstück, bis das Gotteshaus um 9:30 seine Pforten öffnet. Damals, auf dem ersten Camino hatte ich die Besichtigung verpasst. Dies ist die Gelegenheit, diese nachzuholen.
Das prächtige Gebäude ist vor allem berühmt für seine Fenster. Bei der Architektur wurde Wert darauf gelegt, in den sakralen Bau möglichst viel Licht einfallen zu lassen. Für seine Errichtung im 13. Jahrhundert sind die großen gotischen Fenster eine Meisterleistung der Architektur.
Das Gebäude hat eine bewegte Geschichte. Zum Glück steht es noch, denn durch das schwere Erdbeben von Lissabon von 1755, das auch Spanien betraf, wurde es beschädigt und danach einiges an der Fassade ausgebessert. Ein Jahrhundert später war es vom Einsturz bedroht. Durch eine aufwendige Restauration wurde dieser abgewendet.

Auf den Camino starten wir erst kurz nach zehn Uhr. Die heutige Etappe ist zum Teil etwas enttäuschend. Der kilometerlange Marsch durch Vororte ist, wie so oft, langweilig und zieht sich lange hin. Danach folgt ein Weg direkt neben der Bundesstraße, auf der ein LKW nach dem anderen vorüberbrettert. Ich habe diese Etappe nicht dermaßen laut in Erinnerung. Das Verkehrsaufkommen muss in den vergangenen Jahren massiv zugenommen haben.

In Spanien ist es um diese Jahreszeit zwei Stunden länger hell als in Deutschland, da wir uns in dem weiter westlich liegenden Land in der gleichen Zeitzone befinden. Dennoch erreichen wir Hospital de Órbigo, das Ziel der heutigen Etappe, um 19 Uhr erst in der Dunkelheit. Die Anspannung legt sich, als wir die von Lampen erleuchtete lange Steinbrücke entlang wandern, die uns in den Ort führt. Auf dem Camino, das wusste ich, sind die öffentlichen Herbergen 265 Tage im Jahr geöffnet. So steuere ich auf die Unterkunft Karl Leisner zu, in der ich 13 Jahre zuvor übernachtet hatte. Doch zu meinem Entsetzen ist die Herberge geschlossen! In diesem Ort gibt es zum Glück noch zwei weitere öffentliche Herbergen. Aber auch diese sind geschlossen!
Was nun? Im Freien übernachten? Bitte nicht gleich auf der ersten Etappe! Ich hatte mich als erfahrenen Camino-Experten ausgegeben und der Ruf wäre sofort zerstört. Nach etwas längerem Umherirren und Befragen der Bürger auf der Straße erfahren wir, dass es noch eine private Herberge am Anfang des Ortes gäbe. Wenig später finden wir diese. Ich bin erleichtert, dass wir nicht im Freien übernachten müssen.


[18.11.2025] Von Hospital de Órbigo nach Santa Catalina de Somoza

Nach der ohrenbetäubenden Wanderung an der Schnellstraße am Vortag hoffe ich, dass es heute angenehmer wird. Vielleicht hatte ich auch die unangenehmen Abschnitte verdrängt. Aber an diesem Morgen wird es tatsächlich ruhiger. Mit meiner neuen App 'Flora Incognita' erkenne ich, dass die Bäume, die hier wachsen und wie Olivenbäume aussehen, keine Olivenbäume sind. Es sind Steineichen, so weit das Auge reicht. In einer Wüste aus rötlichem Sandstein.

Die heutige Etappe ist angenehmer und führt uns überwiegend durch Natur. Nach einem längeren Aufstieg erreichen wir einen Platz, der mir in Erinnerung geblieben ist. Damals, vor 13 Jahren stand hier ein Wagen mit einer Thermosflasche, gefüllt mit heißem Kaffee, und einigen Keksen, an denen man sich bedienen konnte. Der Legende zufolge wurde dieser Wagen von einem Aussteiger betreut, der einst ein großes Unternehmen geführt hatte. Nach der Wanderung auf dem Jakobsweg wäre er hier geblieben, um den Wagen mit Frühstück für Pilger aufzustellen.
Aus diesem ist mittlerweile ein größerer Komplex mit einer Hütte, einem Garten und mehreren Tischen mit Leckereien geworden. Und mit einem Hund, der gerne Fußball spielt. Und einer aufdringlichen Katze.

Nach einer ausgiebigen zweiten Frühstückspause setzen wir unseren Weg fort und erreichen wenig später die altehrwürdige Stadt Astorga. Wider Erwarten ist uns der Wettergott gnädig gestimmt und wir genießen eine Pause in der mittäglichen Sonne. Plötzlich kommt mir in den Sinn, dass es im nächsten Jahr 2026 eine Sonnenfinsternis geben wird. Die man in Deutschland nicht erleben wird. Das Wichtige ist der Schatten. Und der wandert gezielt sehr weit an Deutschland vorbei. Aber irgendetwas war da doch … und plötzlich sehe ich es, Dank Internet auf dem Handy. Das Entscheidende ist der Kernschatten. Und der zieht direkt dort hindurch, wo wir uns gerade befinden. Auf dem Camino im August 2026!

Eine Berühmtheit von Astorga ist der Palast, den der geniale Architekt Gaudi für den Bischof errichtet hatte. Damals war ich hier an einem Montag unterwegs und hatte Pech, da montags der Palast geschlossen ist. Heute ist Dienstag und ich könnte die Besichtigung nachholen. Denke ich erst. Doch ein Bauzaun umzäunt das Gelände. Eine Baustelle! Wieder Pech. Also weiter. Nebenan befindet sich die Kathedrale des Bischofs und hier entschädigen wir uns durch die Besichtigung dieses sakralen Gebäudes.

El Ganso hatte ich als das ursprüngliche Ziel der zweiten Etappe gedacht. Doch nach der Erfahrung des ersten Tages bin ich mir nicht mehr sicher, dass die Herberge geöffnet ist, in der ich 13 Jahre zuvor übernachtet hatte. Als wir Santa Catalina de Somoza erreichen, überrede ich meinen Freund, es zuerst bei der öffentlichen Herberge zu versuchen. Dort angekommen, verkündet ein Schild, bedauerlicherweise wäre diese Unterkunft heute geschlossen.
Dies ist zum Glück keine Katastrophe, da es zwei private Herbergen in diesem Ort gibt, die auch zu dieser Jahreszeit geöffnet sind. Den Verwalter müssen wir erst ausfindig machen und finden ihn im Hinterhof beim Spalten von Holz. Offenbar hat er niemanden erwartet. Dafür zeigt er sich sehr freundlich, als er Übernachtungsgäste hat. Anfangs ist es äußerst ruhig im Lokal der Unterkunft, in dem er uns ein vorzügliches Abendessen serviert. Abends wird es etwas lebendiger, als einige Bewohner des Ortes eintreffen und sich nach dem Genuss von Bier und Wein immer lauter unterhalten.


[19.11.2025] Von Santa Catalina de Somoza nach El Acebo de San Miguel

Die Nacht in der Herberge verbringen wir als die einzigen Pilger. Hier gibt es morgens keine Bedienung, daher begeben wir uns zum Frühstück zur anderen privaten Herberge des Ortes. In Erinnerung an frühere Touren hatte ich mir Cafe con Leche, Croissante und Zumo de Narancha bestellt. Der Freund, der diese Pilgertour gemeinsam mit mir unternimmt, hat diese Tradition, die wir am Vortag begonnen haben, bereits übernommen. Milchkaffee ist in Spanien fast ausnahmsweise besonders lecker, Croissant definitiv besser als in unserer Heimat. Und den Orangensaft bekommt man hier immer frisch gepresst. Gerade ist hier Erntezeit, dadurch ist der Saft hervorragend. Vielleicht ein bisschen sauer, aber egal. Vitamine. Frisch geerntet vom Orangenbaum. Das härtet ab. Gerade scheint das Wetter zu kippen, von warm-herbstlich zu winterlich-nass.
Beim Schlemmen treten drei dickliche, weißhaarige Herren ein. Dänen, wie wir nach einer kurzen Begrüßung feststellen. Wir sind gerade fertig mit unserem Frühstück, so bleibt es bei einem kurzen Gespräch, die Dänen haben sich für heute viel vorgenommen. Bis auf einen, der unter Fußproblemen leidet und den Bus nehmen will. Zwei von ihnen werden wir unterwegs aber vielleicht wiedertreffen.

Der Morgen belohnt uns mit einem Nieselregen. Regenhose anziehen, Schutzhaube über den Rucksack und dem Dorf Adieu sagen. So beginnt der Tag, auch das schöne Wetter sagt Adieu und wir wandern im Regen durch eine grüne Landschaft. Stunden vergehen, bis wir El Ganso erreichen. Dort gibt es die Biker Bar, die ich in Erinnerung hatte. Meinem Begleiter hatte ich versprochen, dass es hier abgehen würde wie im Wilden Westen. Außer Regen ist hier aber nichts. Schade. Kein Saloon, kein Duell, keine Schießerei. Nur kalt und nass. Also weiter.

Zum Cruz de Ferro, dem höchsten Punkt des Camino Francés, ist es nicht mehr weit. So habe ich es in Erinnerung. Doch der Weg zieht sich hin, Höhenmeter um Höhenmeter hinauf. Und vorher gibt es, so sagt mein Gedächtnis, ein Geisterdorf. Endlich haben wir Foncebadón erreicht. Mittlerweile wirkt der Ort nicht mehr so verlassen wie damals. Einige Herbergen und Restaurants scheinen sich hier angesiedelt zu haben. Auf dieser Etappe hatten wir kein Café oder ähnliches gefunden, so begeben wir uns auf die Suche. Doch alles ist zurzeit geschlossen. Nur ein paar Automaten gibt es, an denen man Snacks und Getränke bekommen kann. Dies tun wir und nehmen Platz vor der öffentlichen Pilgerherberge von Foncebadón. Plötzlich taucht der Herbergsverwalter auf und lädt uns ein, hineinzukommen. Hier hatten wir aber keinen Übernachtungsplatz geplant, dafür ist es zu früh, dafür bekommen wir Infos zu einer Übernachtungsmöglichkeit im ersten Dorf nach dem Cruz de Ferro. Dieses ist eigentlich nicht wirklich beeindruckend. Es soll sich um einen sehr alten Ort handeln, der bereits in der keltischen Zeit als heilig angesehen wurde.

Beim Abstieg erreicht man eine kleine Siedlung, an der einem Jakobsweg-Mythos zufolge der vielleicht letzte Kreuzritter namens Tomas leben soll. Im Sommer hätten wir hier einen Kaffee bekommen, doch der Kreuzritter scheint eine Winterpause eingelegt zu haben. Alles ist verschlossen. Den weiteren Weg ins Tal habe ich als den qualvollsten Abschnitt in Erinnerung. Ein Abstieg über einen Geröllhang, der sich ewig hinzieht. Dies bestätigt sich und bald klagt mein Freund und Mitwanderer über Schmerzen. Vielleicht sind es die Blasen an den Füßen, vielleicht die Kniegelenke. Ein Stück weichen wir von dem Geröllhang auf die Straße aus, um bald wieder auf den Camino zurückzukehren.

El Acebo de San Miguel ist ein malerisches, altes Dorf. Es gibt einige Übernachtungsmöglichkeiten. Doch offenbar sind hier mehr Pilger als üblich unterwegs, so bekommen wir nur ein Doppelbett in einem winzigen Raum. Der Verwalter bezeichnet es als King-Size, aber es wirkt deutlich kleiner und ist äußerst ungemütlich.


[20.11.2025] Von El Acebo de San Miguel nach Ponferrada

Der Verwalter hatte versprochen, dass ein Frühstück inklusive wäre, und am Morgen würden wir Brot vorfinden. Im Frühstücksraum gibt es zwar Kaffee zum Selberbrühen, aber keine Milch. Und für jeden nur eine Scheibe Brot. Auch zwei der dicken Dänen hatten hier übernachtet. Als ihr Raum morgens offen steht, beneiden wir sie ein wenig. Sie hatten ein größeres Zimmer. Und zwei einzelne Betten. Da fragen wir uns, wie sie uns am Vortag eigentlich überholen konnten, ohne dass wir ihnen begegnet sind. Sie wirken nicht gerade sportlich. Ob sie ein Taxi genommen hatten?

Für heute hatten wir uns eine kürzere Etappe vorgenommen. Einerseits hatte ich den letzten Abschnitt nach Molinaseca als mörderisch in Erinnerung, andererseits ist Ponferrada einer der außergewöhnlichen Orte auf dem Camino. Dort befindet sich die Templerburg. Wie für vieles andere hatte mir auf meiner ersten Tour auch die Zeit gefehlt, diese Burg zu besichtigen und jetzt gäbe es die Gelegenheit dafür.

Molinaseca habe ich als so schön in Erinnerung, wie wir diese Stadt vorfinden. Nur für ein Bad im Fluss, wie ich es damals im Sommer gesehen hatte, ist es derzeit zu kalt. So legen wir in der Stadt eine Frühstückspause ein. Natürlich mit Kaffee und frisch gepresstem Orangensaft.

Ponferrada erreichen wir zur frühen Nachmittagsstunde. Dies ist die Gelegenheit, meine Wanderschuhe zu entsorgen. Diese waren schon vor der Tour in einem miserablen Zustand. Mittlerweile haben sie einen so strengen süßlichen Geruch angenommen, als wäre jemand darin gestorben. Also fort damit und in die Zweitschuhe wechseln.

Zum ersten Mal auf dieser Wanderung übernachten wir in einer öffentlichen Herberge. Dort bekommen wir eine Empfehlung für ein preisgünstiges Restaurant. Insgesamt gibt es vier Gänge, dazu eine Flasche Wein, Dessert und einen Kaffee. Was kostet das Ganze? 13 Euro! Ein wahres Schnäppchen! Anschließend besichtigen wir die Templerburg. Das Gebäude ist tatsächlich eindrucksvoll. Hier scheint sich in den vergangenen Jahren einiges getan zu haben. Damals hatte ich gehört, dass es im Inneren wenig zu sehen gäbe und das Gelände eher eine Kulisse wäre, die nur von außen beeindruckt. Inzwischen gibt es hier einiges zu erkunden und Türme zum Erklimmen. Es gibt auch historische und künstlerische Ausstellungen im Inneren der Burg.

Abends besuchen wir einen Gottesdienst. Den ersten auf dem Weg. Mit einem Segen für Pilger zum Schluss. Außer uns ist noch ein Pole dabei, der sich 40 Kilometer pro Tag vorgenommen hatte. Kann man im Sommer machen, aber halte ich unter diesen winterlichen Bedingungen für sehr schwierig.


[21.11.2025] Von Ponferrada nach Villafranca del Bierzo

Den Weg, der aus Ponferrada herausführt, hatte ich als sehr langweilig in Erinnerung. Doch diesmal führt er uns an einem verlassenen Kraftwerk vorbei, das heute als Museum dient. Danach folgt grüne Landschaft. Damals war ich vermutlich irgendwann falsch abgebogen und ewig lange durch Vorortsiedlungen gewandert.

Heute scheint der Freund von mir topfit zu sein. Er wandert voraus. Als ich spontan eine Pause einlege, bin ich anschließend für einige Kilometer allein. Vielleicht wollte er etwas Zeit zum Nachdenken und allein wandern, denke ich. Das tut manchmal gut. Einige Kilometer später treffen wir uns in Cacabelos zur Mittagspause wieder und wandern danach gemeinsam. In dieser Stadt hatte ich damals übernachtet. Hier befindet sich die Herberge am Ende der Stadt. Um die Kirche herum sind kleine Bretterbuden errichtet, in denen jeweils zwei Pilger Platz finden. Zweckmäßig, schlicht und mit ganz eigenem Flair.

Die heute geplante Etappe nach Villafranca del Bierzo ist von der Entfernung keine besondere Herausforderung. Der Weg führt uns durch eine wunderschöne herbstliche Landschaft. Heute haben wir sogar Glück mit dem Wetter. Dabei begegnen wir, wie kann es auf dem Camino Frances auch anders sein, einer Gruppe von drei Koreanern. Die Namen können wir uns nicht merken, alle heißen irgendwie J…
Bald erreichen wir den Anfang einer alten Stadt. Villa Franca ist kein seltener Name. Fränkisches Dorf, so kann man diese Siedlungen übersetzen, wurden gegründet von Fremden, die über die Pyrenäen gekommen sind.

An die Herberge von Villafranca erinnere ich mich. Zwar hatte ich hier damals nicht übernachtet, aber ein Mitpilger. In der Nacht, so hatte er erzählt, hätten sie Feuer gesehen, das immer näher gekommen wäre. Viele Pilger wären nachts um vier Uhr aus der Herberge geflohen und in der Dunkelheit bis La Faba weitergewandert. Auch er.
Nun will ich hier übernachten. Mein jetziger Mitpilger will noch etwas weiter gehen, erklärt er. Endlich mal in einem Hotel übernachten. Vielleicht gibt es auch eine Badewanne. Die bräuchte er jetzt. So verabschieden wir uns, und ich mache mich auf die Suche nach dem Herbergsverwalter. Dabei treffe ich einen holländischen Pilger, der den Mann aus der Küche herbeiruft, der gerade das Abendessen kocht.
Diese Unterkunft ist sehr speziell. Beim gemeinsamen Mahl mit einem Holländer, zwei Spaniern und einem Franzosen erfahre ich etwas über ihre Geschichte. Im Jahr 1950 hätte es hier nur ein Haufen Steine gegeben, auf dem ein Gewächshaus für Tomaten stand. Ursprünglich hätte es an der Stelle ein altes Hospital gegeben, das im Spanischen Bürgerkrieg eingestürzt wäre. Der Verwalter zieht ein Fotoalbum hervor, in der er die Geschichte dieses Gebäudes erklärt. Ave Fénix, wie diese Herberge heißt, hatte er anfangs zusammen mit seinen Eltern komplett aufgebaut. Jésus heißt er und ist stolze 85 Jahre alt.


[22.11.2025] Von Villafranca del Bierzo nach O Cebreiro

Die Herberge hat einen besonderen Flair, ist aber etwas in die Jahre gekommen. Mit seinen 85 Jahren ist Jésus vermutlich mit der Modernisierung der Unterkunft überfordert. Die großen Schlafsäle werden durch einen Ofen beheizt, der sich im Gemeinschaftsraum befindet und mit Brennholz befeuert wird. Von dort sind Heizrohre bis zu den Schlafräumen gelegt. Nachts war es ziemlich kühl darin.
Der Freund, der mit mir pilgert, hatte es nachts wahrscheinlich wärmer. Er war am Vortag von Villafranca noch mehr als 10 Kilometer weiter bis zu einem Hotel weitergewandert. Das wäre mir zu weit gewesen, aber er wollte ein Zimmer mit Badewanne.

In der morgendlichen Dämmerung starte ich auf den Weg. Es gäbe den Camino Duro als Alternative, auf dem man die Wanderung an der Seite der Straße vermeiden kann. Dieser wäre ein paar Kilometer länger, nur für besonders geübte Wanderer geeignet und würde durch eine Idylle führen. Doch finde ich die Abzweigung nicht. Vielleicht ist es auch besser so, da dieser Morgen einiges an Regen bringt.

Am Morgen hatten ich und mein Freund, der im Hotel Valcarce übernachtet hatte, ein Treffen ausgemacht. Dabei hatte ich mich vertan und bin bis Vega de Valcarce gewandert. Es ist der gleiche Ort, doch dessen Zentrum befindet sich einige Kilometer weiter. So bin ich ihm nun einige Kilometer voraus. Doch in La Faba treffen wir uns wieder. Dort befindet sich ein Kirchturm, an dem man eine Pilgerglocke läuten kann.

Wenig später erreichen wir den Grenzstein nach Galicien. Es ist seltsam. Direkt davor war schneefrei. Nur einen Meter danach ist das Gelände weiß getüncht.

In O Cebreiro, dem Ziel der heutigen Etappe, liegt tatsächlich einiges an Schnee. Ich erinnere mich an den Aufstieg im August 2012, da gab es Schneeregen. Und das im Sommer. Die Region Galicien hat ein ganz eigenes Klima in dem sonst so sonnenverwöhnten Spanien.

Abends besuchen wir die Pilgermesse. In O Cebreiro, einem Dorf mit Rundhäusern wie aus den Asterix-Comics, etwas ganz Besonderes. Im Anschluss an die Messe gibt es einen Pilgersegen mit kleinen Geschenken.

Anschließend gönnen wir uns ein Pilgermenü, das preisgünstig und äußerst vorzüglich ist. In Spanien kann man sich das einfach leisten. Anschließend noch ein Bier, bei dem wir mit einem spanischen Pilger ins Gespräch kommen. Ihn treffen wir danach in der Pilgerherberge wieder, wo er uns vor einer Landkarte Spaniens einen längeren Vortrag zur Geschichte des Landes hält. Er beginnt mit der arabischen Zeit, als die ganze Halbinsel bis auf ein kleines Widerstandsnest im Norden von den Mauren besetzt war. Weiter geht es mit Karl dem Großen, danach mit den Königreichen Kastilien und Aragon, bis zum endgültigen Sieg des christlichen Spanien über die Mauren. Er ist sehr gebildet, stelle ich fest, da ich schon einiges darüber nachgelesen habe. Ganz nüchtern ist der Spanier aber nicht, der bei seinem Vortrag eine fast leere Flasche Wein in der Linken hält und öfters nach vorne kippt. Es sieht so aus, als ob er immer wieder die Landkarte umarmt. Er liebt sein Land, denke ich. Er fährt beruflich zur See, war weit in der Welt herumgekommen und hat ein besonderes Interesse an Geschichte, erfahren wir.


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